Multiresistente Keime: Erster unabhängiger Vergleich zu den Bemühungen von Pharma-Unternehmen bei der Bekämpfung resistenter Infektionen (For Swiss media)

AMSTERDAM, DAVOS, 23. Januar 2018 -  Die erste unabhängige Analyse der Pharma-Industrie zum Thema antimikrobielle Resistenzen (AMR) legt offen, dass die Unternehmen neben der Entwicklung neuer Medikamente auch Anreize abschaffen, die den Abverkauf von Antibiotika steigern sollen. Sie setzen überdies Grenzwerte für die Konzentration von Antibiotika in Fabrikabwässern, die in die Umwelt gelangen, und sie verfolgen die Ausbreitung von multiresistenten Keimen.

Bei der Antimicrobial Resistance Benchmark liegen GlaxoSmithKline (GSK) und Johnson & Johnson in der Gruppe der grossen Pharma-Forschungskonzerne ganz oben. Mylan führt das Feld der Generika-Hersteller an, Entasis das der Biotechnologie-Unternehmen. Laut der Studie gibt es bei allen Unternehmen noch Verbesserungspotenzial, aber auch gute Beispiele.

«Wenn wir Antibiotika nicht in der richtigen Dosierung und gegen die passenden Keime einsetzen, geben wir den Bakterien die Chance, sich anzupassen und ihr Abwehrsystem zu stärken. Das erschwert es, sie in Zukunft abzutöten. Die Gefahr, dass einst tödliche Infektionen wieder lebensbedrohlich werden könnten, verstärkt sich», sagt Jayasree K. Iyer, Geschäftsführerin der Access to Medicine Foundation. «Pharma-Unternehmen leisten einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung von multiresistenten Keimen.»

Antibiotika verlieren zunehmend an Wirksamkeit, meist beschleunigt durch den Missbrauch dieser Medikamente bei Mensch, Tier und in der Landwirtschaft. Die Medikamente dürfen nur sparsam eingesetzt werden, um Bakterien die Chance zu nehmen, sie zu überlisten. Auf höchster politischer Ebene ist man sich bewusst, dass dringend mehr dafür getan werden muss, das Tempo der AMR zu drosseln. Im Zuge dessen wurden AMR-Initiativen von den Vereinten Nationen sowie der G7 und der G20 gestartet. Um AMR unter Kontrolle zu bringen bedarf es koordinierter Zusammenarbeit von Regierungen, Gesetzesgebern, Gesundheitsbehörden, Medizinern, Landwirten, Pharma-Unternehmen sowie von Patienten. Die meisten Unternehmen der Benchmark haben sich zu branchenweiten Zusagen verpflichtet. Das wurde im Januar 2016 in Davos im Rahmen der «Declaration on Combating Antimicrobial Resistance» schriftlich festgehalten.

Die Benchmark vergleicht, wie der Querschnitt der Pharmaindustrie auf die Bedrohung durch arzneimittelresistente Infektionen reagiert. Miteinbezogen wurden die dreissig aktivsten Akteure der Antibiotika-Entwicklung und -Produktion sowie globale Pharma-Konzerne, Biotechnologie-Unternehmen und Hersteller von Generika. Im Fokus stehen die Themen Forschung nach neuen Antibiotika, Richtlinien für die verantwortungsvolle Herstellung sowie Konzepte, die den Zugang und den vernünftigen Umgang mit den Medikamenten sicherstellen sollen. Alle Informationen wurden aus umfassenden Quellen zusammengetragen und überprüft.

«Pharma-Unternehmen beschäftigen sich zwar mit dem Thema AMR, doch die meisten stehen erst am Anfang. Ja, es wird an wichtigen neuen Medikamenten geforscht. Jedoch wissen wir, dass diese nicht ausreichen werden, um die Medikamente zu ersetzen, die ihre Wirkung bereits verloren haben. In der Studie werden einige sehr gute Beispiele aufgezeigt, inwiefern sich Unternehmen mit dem Zugang und dem Antibiotic Stewardship einzelner Produkte befassen», sagt Iyer.

Die Spitzenreiter
GSK und Johnson & Johnson führen die acht grossen Pharma-Forschungsunternehmen an, die an der Benchmark teilgenommen haben. GSK forscht derzeit an den meisten antimikrobiellen Medikamenten, die gegen Krankheitserreger wirken sollen, welche nach Ansicht von Experten die höchste Priorität bei AMR haben. GSK ist ausserdem eines von nur zwei Unternehmen, das seine Boni komplett vom Umsatzvolumen der Antibiotika-Verkäufe abgekoppelt hat, und so dem Vertrieb den Anreiz nimmt, zu viel Antibiotika zu verkaufen. Johnson & Johnson konzentriert sich auf Tuberkulose (TB): Der Zugang zu seinem massgebenden Medikament gegen multiresistente TB wird von nationalen TB-Programmen streng kontrolliert. Auf diese Spitzenreiter folgen Novartis, Pfizer und Sanofi. Pfizer schneidet bezüglich der Verwaltungs-Massnahmen besonders gut ab, während Sanofi in Forschung & Entwicklung stärker ist. Novartis liefert in den meisten Bereichen eine konstant solide Leistung.

Novartis hat mit seiner Generika-Abteilung Sandoz das zweitgrösste Antibiotika-Portfolio der untersuchten Unternehmen. Der Konzern hat ausserdem eine vergleichsweise grosse Forschungs- und Entwicklungs-Pipeline, in der sich viele Projekte finden, die auf AMR konzentriert sind. Beispielsweise werden gerade zwei Malaria-Medikamente klinisch getestet, die den Malaria-Parasiten auf ganz neue Art bekämpfen sollen. Ausserdem verfolgt Novartis einen Preisansatz, der darauf abzielt, das Malaria-Medikament Coartem® (Artemether/Lumefantrin) in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen erschwinglich zu machen. Dieser Ansatz wurde zum ersten Mal 2001 in Zusammenarbeit mit der WHO entwickelt und umgesetzt.

Roche schneidet im Vergleich zu anderen grossen forschungsgetriebenen Pharma-Unternehmen weniger gut ab. Nichtsdestotrotz erarbeitet der Konzern wertvolle Massnahmen, die evaluieren, wie die Konzentration von Antibiotika im Industrie-Abwasser eingedämmt werden kann. Roche war in den 1980ern sehr aktiv auf dem Feld der antimikrobiellen Mittel, hat aber seinen Fokus auf die Onkologie verlegt. Erst kürzlich hat das Unternehmen Schritte zurück in diesen Markt unternommen. Seit 2014 arbeitet Roche mit UNAIDS und der Clinton Health Access Initiative (CHAI) zusammen, um HIV-Infektionen bei Kindern und Erwachsenen in 82 Entwicklungsländern mit einer hohen Krankheitsbelastung zu diagnostizieren und zu bekämpfen. Ausserdem wird eine breite Palette von diagnostischen Tests für Viren und Bakterien entwickelt und vermarktet.

Biotechnologie-Unternehmen spielen eine signifikante Rolle bei der Entwicklung von neuen Antibiotika. Entasis liegt an der Spitzen der zwölf Biotechnologie-Firmen, die an dem Benchmark teilgenommen haben – besonders in Bezug auf die Vorausplanung und der Sicherstellung, dass erfolgversprechende Medikamente verfügbar sind und vernünftig angewendet werden. Auf dieses Unternehmen folgen Polyphor, Summit und Tetraphase, gemeinsam auf dem zweiten Platz.

Generika-Hersteller sind für den Grossteil der heute verkauften Antibiotika verantwortlich. Das verleiht ihnen eine bedeutende Stellung im Kampf gegen das Wachstum antimikrobieller Resistenzen. Im Vergleich zu den anderen analysierten Unternehmen ist die Transparenz in dieser Gruppe gering, doch beziehen die Spitzenreiter eine klarere Position als ihre Mitbewerber. Sie gehen entweder auf die Erschwinglichkeit oder auf die sinnvolle Nutzung ihrer Produkte ein. Von den zehn bewerteten Unternehmen führt Mylan mit der stärksten Leistung in verschiedenen Bereichen. Dazu gehören ein angemessener Preisansatz und eine Strategie bezüglich des Umweltrisikomanagements. Auf Mylan folgen Cipla und Fresenius Kabi.

«Eine der stärksten Botschaften, die aus der Studie hervorgeht, ist die enorme Macht von Generika-Unternehmen, multiresistente Keime zu stoppen. Sie produzieren die grössten Mengen an Antibiotika und das seit Jahrzehnten. Einige haben erst kürzlich damit begonnen AMR zu bekämpfen. Wenn sie weiter ermutigt werden können, sich dieser Herausforderung zu stellen, werden wir grosse Auswirkungen spüren», sagt Iyer.

Die zentralen Erkenntnisse der Studie

  • Es gibt aktuell 28 Antibiotika in fortgeschrittenen Entwicklungsstadien, die auf solche Erreger abzielen, die von der WHO und/oder von US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -vorsorge mit kritischer AMR-Priorität eingestuft werden. Jedoch erfahren nur zwei dieser Forschungsprogramme ausreichend Unterstützung, damit die Antibiotika, wenn sie auf den Markt gebracht werden, auch zugänglich sind und vernünftig angewendet werden.
  • Fast die Hälfte der evaluierten Unternehmen ist an der Verfolgung von Strukturen der Arzneimittelresistenz beteiligt. Dazu werden aktuell in über 147 Ländern AMR-Überwachungsprogramme unterschiedlicher Grössenordnung durchgeführt. Lungenentzündung ist die am weitesten verbreitete Infektion, und Pfizer führt dazu die meisten Programme durch.
  • Acht Unternehmen setzen Grenzwerte für die Konzentration von Antibiotika, die in Abwässern enthalten sein können, bevor sie in die Umwelt gelangen. Vier Unternehmen verlangen von ihren Lieferanten, dass auch sie diese Standards erfüllen: GSK, Johnson & Johnson, Pfizer und Roche. Bis dato fehlen mehr Informationen zu den Grenzwerten, und keines der Unternehmen legt offen, was tatsächlich in der Praxis freigesetzt wird.
  • Vier Unternehmen ergreifen Massnahmen, um die Boni für Vertriebsagenten von der Menge der verkauften Antibiotika abzukoppeln. GSK und Shionogi haben weltweit beides vollständig voneinander getrennt, während Pfizer diesen Ansatz an bestimmten Standorten durchführt. Novartis ist gerade dabei, die Anreize für seine Vertriebsteams anzupassen.

Wie innerhalb der Benchmark verglichen wird
Die Benchmark vergleicht Unternehmen mit dem Branchen-Konsens in Bereichen, innerhalb derer sie bei Begrenzung der Antibiotikaresistenz zu Fortschritten beitragen können und sollen. Die Access to Medicine Foundation legt diese Bereiche fest, indem sie mit führenden Experten und einem breiten Spektrum von Stakeholdern auf dem Feld der AMR und der globalen Gesundheit zusammenarbeitet, die die Methodik der Benchmark definieren. Die Studie wurde entwickelt, um flexibel auf Unterschiede zwischen den Unternehmen reagieren zu können, wenn es um die Ausrichtung ihres Geschäfts, ihrer Portfolios und ihrer Strategien geht. Die Antimicrobial Resistance Benchmark wurde mitilfe der finanziellen Unterstützung von UK AID und dem Niederländischen Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport ermöglicht.

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Hinweise für Reporter:

Medienmaterialien: Das Benchmark Performance Diagramm und andere Diagrammen sind auf Anfrage erhältlich.

Die Access to Medicine Foundation, Herausgeber dieses Benchmarks, ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation mit Sitz in den Niederlanden. Ziel ist es, den Zugang zu Arzneimitteln in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu fördern, indem man die Pharmaindustrie dazu anregt, dabei eine grössere Rolle zu spielen.

Seit zehn Jahren erzielt die Stiftung Konsense in Bezug auf die Rolle der pharmazeutischen Industrie bei der Verbesserung des Zugangs zu Medikamenten und Impfstoffen. Alle zwei Jahre veröffentlicht die Stiftung ihren Access to Medicine Index, der Ende 2018 wieder fällig ist. Im Jahr 2017 veröffentlichte die Stiftung den allerersten Access to Vaccines Index. Dies ist die erste Ausgabe der Antimicrobial Resistance Benchmark.

Weitere Informationen erhalten Sie von:
Suzanne Wolf: + 31 6 29 40 40 90 oder + 31 20 21 53 535
E-mail: swolf@accesstomedicinefoundation.org
Website: www.accesstomedicinefoundation.org


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