A research programme by the Access to Medicine Foundation

Medikamentenresistenz und Knappheit an Antibiotika: Neuer Bericht zeigt, wie man den Arzneimittelmarkt wieder aufbauen kann

Amsterdam, Niederlande, 31. Mai 2018 – Im neusten Bericht „Shortages, stockouts and scarcity: the issues facing the security of antibiotic supply and the role for pharmaceutical companies“ warnt die Access to Medicine Foundation davor, dass Antibiotika-Lieferketten am Rande des Zusammenbruchs stehen. Dies gefährdet die medizinische Grundversorgung. Dringende Maßnahmen sind erforderlich, um den Antibiotika-Markt wieder aufzubauen. Der Bericht zeigt, wie Pharmaunternehmen auf diese Entwicklungen reagieren.

Zwischen 2001 und 2013 kam es allein in den USA zu 148 nationalen Antibiotika-Engpässen. Im Jahr 2010 berichteten 15 Länder von einem Mangel an injizierbarem Streptomycin, was die Behandlung von Tuberkulosepatienten gefährdet. Ein anhaltender Penicillin-Mangel betrifft derzeit mindestens 39 Länder, darunter Brasilien, Deutschland, die Niederlande, die USA und Indien. In Brasilien fiel dieser Mangel mit einem Syphilis-Ausbruch zusammen, der dadurch nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte. Zwischen 2012 und 2015 hat sich die Zahl der in Brasilien geborenen Babys mit angeborener Syphilis mehr als verdoppelt.

„Ein Mangel an Antibiotika tritt auf, weil der Antibiotika-Markt einfach nicht gut genug funktioniert. Man muss Anreize für Pharmaunternehmen schaffen, damit diese weiterhin Antibiotika produzieren. Es gibt definitiv keine einfache Lösung. Ohne einen globalen Anstoß die systemischen Ursachen anzupacken, riskieren wir, dass häufige Infektionen, verursacht durch kontaminierte Lebensmittel oder einfache Wunden, nicht mehr behandelt werden können.“ Jayasree K. Iyer, Geschäftsführerin der Access to Medicine Foundation.

Die Ursachen
Im White Paper werden Faktoren aufgezeigt, die zu einem Mangel an Antibiotika führen: Die Wirkstoffe für ein Antibiotikum werden in der Regel nur in wenigen Fabriken hergestellt. Das bedeutet, dass ein einziger Herstellungsfehler große Auswirkungen haben kann. So führte beispielsweise eine Explosion in einer chinesischen Fabrik im Jahr 2016 zu einer anhaltenden weltweiten Verknappung des wichtigen Breitbandantibiotikums Piperacillin-Tazobactam. Darüber hinaus wird dem fragilen Antibiotika-Angebot auf der globalen politischen Bühne wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Auch hat die Pharmaindustrie wenig Anreize, selbst aktiv zu werden. Denn: Forschung und Entwicklung ist riskant und teuer, Antibiotika haben nur geringe Margen, und das Nachfragewachstum kommt hauptsächlich aus ärmeren Ländern. Zwischen 2000 und 2015 ist die weltweite Nachfrage nach Antibiotika um 65 % gestiegen. Vier der sechs Länder mit den höchsten Antibiotika-Verbrauchsraten waren Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen.

Antibiotika-Lieferketten sind komplex. Die Chargen durchlaufen viele Vertriebswege, bevor sie den Patienten erreichen. Dies führt zu Intransparenz und es gibt kaum Verlass darauf, dass sichergestellt ist, ob das Angebot auch der Nachfrage entspricht. Dies hat zur Folge, dass einige Bevölkerungsgruppen mit Engpässen konfrontiert sind. Andere erhalten Medikamente von schlechter Qualität, oder der Zugang zu Antibiotika ist zu einfach. Dabei muss gerade genau das kontrolliert werden, um antimikrobielle Resistenz (AMR) in Schach zu halten. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika treibt die AMR-Rate in die Höhe. Schätzungsweise 70 % der Bakterien sind bereits gegen mindestens ein Antibiotikum resistent, das üblicherweise zu deren Behandlung eingesetzt wird. Ohne wirksame Methoden könnte AMR innerhalb von einigen Jahrzehnten verhindern, dass Antibiotika wirken. Engpässe sind auch mit AMR verbunden, da Ärzte auf weniger wirksame Behandlungen zurückgreifen müssen. Das führt dazu, dass Infektionen schlechter geheilt werden können, und das wiederum ermöglicht Bakterien ihre Abwehrkräfte anzupassen.


Bestehendes Wissen einsetzen
Im selben Bericht wird anhand von Beispielen aus der Pharmaindustrie aufgezeigt, dass es bereits Bewegung gibt. Die Daten dazu stammen aus dem Access to Medicine-Index 2016, dem Access to Vaccines-Index 2017 und dem Antimicrobial Resistance Benchmark 2018. Beispielsweise haben mehrere Unternehmen in Netzwerke von Produktionsstätten investiert, um weniger abhängig von einer kleinen Anzahl von Lieferanten zu sein. Andere Unternehmen haben Prozesse entwickelt, die die Auswirkungen von Engpässen und Fehlbeständen minimieren sollen. Dazu gehört die Verwaltung lokaler Reservebestände oder die Priorisierung von bedürftigen Bevölkerungsgruppen, sobald Lagerbestände zur Neige gehen.

„Die globale Gesundheitsgemeinschaft, einschließlich der pharmazeutischen Industrie, hat Erfahrung darin Medikamente für Menschen zu beschaffen, die sie benötigen. Zum Beispiel Impfstoffe und HIV/AIDS-Medikamente. Jetzt ist dringend nötig dieses Wissen zu richtig einzusetzen, um die Antibiotikaversorgung zu sichern – insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in denen der Bedarf an Antibiotika erschütternd hoch ist.“ Jayasree K. Iyer

Media-Material:
Grafiken und Zahlen aus dem Bericht sind auf Anfrage verfügbar.

Über die Access to Medicine Foundation:
Die Access to Medicine Foundation ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation mit Sitz in den Niederlanden. Ziel ist es, den Zugang zu Arzneimitteln in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu fördern, indem man die Pharmaindustrie dazu anregt, dabei eine größere Rolle zu spielen.

Seit zehn Jahren erzielt die Stiftung Konsense in Bezug auf die Rolle der pharmazeutischen Industrie bei der Verbesserung des Zugangs zu Medikamenten und Impfstoffen. Alle zwei Jahre veröffentlicht die Stiftung ihren Access to Medicine Index, der Ende 2018 wieder fällig ist. Im Jahr 2017 veröffentlichte die Stiftung den allerersten Access to Vaccines Index. Im Januar 2018 wurde der erste Antimicrobial Resistance Benchmark veröffentlicht.




Got a question?

Learn more

View our detailed overview of each company’s performance in the Index, including breakdowns of their product portfolios and R&D pipelines.