Access to Medicine Index 2016: Pharmaunternehmen verbessern ihre Strategien, um Arme zu erreichen – doch der Ausbau ist schleichend

Ergebnis deutscher Unternehmen gemischt: Merck KGaA steigt in die Top-Gruppe auf, Bayer und Boehringer-Ingelheim fallen im Ranking zurück

Amsterdam, Niederlande, 14. November 2016 – Pharmazeutische Unternehmen werden immer besser darin, ihre Produkte armen Menschen zur Verfügung zu stellen und globale Gesundheitsprobleme anzugehen. Trotzdem beschränken sich die bewährten Verfahren auf wenige Produkte und Länder. Die Chance, diese Anstrengungen zu bündeln und auszubauen, wurde bisher noch nicht genutzt.

Der am Montag veröffentlichte Access to Medicine Index 2016 bewertet, wie die 20 führenden Pharmaunternehmen den Zugang zur medizinischen Versorgung in Entwicklungsländern verbessern. GlaxoSmithKline, das zum bereits fünften Mal den ersten Platz belegt, schafft es am besten, seine Access-Aktivitäten auf die besonderen Bedürfnisse der Gesundheitsagenda abzustimmen.

Auf GSK folgen dicht hintereinander Johnson & Johnson, Novartis und Merck KGaA. Die Pharmaindustrie ist sehr vielfältig, was sich auch darin widerspiegelt, wie die Unternehmen den Zugang zur medizinischen Versorgung angehen. Trotzdem teilen die vier Unternehmen in der Spitzengruppe einige besondere Merkmale. Sie haben die am besten entwickelten Access-Programme mit gut organisierten Access-Strategien, die die Geschäftsentwicklung in den Schwellenländern unterstützen, in denen der Bedarf am Zugang zur medizinischen Versorgung hoch ist. Diese Unternehmen haben zudem gezeigt, dass sie unabhängig festgelegte Bedürfnisse mit hoher Priorität angehen können.

Ergebnis deutscher Pharmaunternehmen gemischt
Was deutsche Pharmaunternehmen angeht, so ist das Ergebnis gemischt. Merck KGaA befindet sich in der obersten Gruppe und ist Vierter. Merck KGaA hat deutliche Stärken im Ausbau von R&D- und Herstellungskapazitäten. In Zusammenarbeit mit der Universität von Namibia und mit Unterstützung des dortigen nationalen Programms zur Malariabekämpfung, forscht Merck an Malaria im südafrikanischen Raum.

Aber sowohl Bayer als auch Boehringer-Ingelheim haben Plätze eingebüßt. Das liegt zum Teil daran, dass die anderen Unternehmen mehr tun. Bayer setzt sich zwar besonders für vernachlässigte tropische Krankheiten und für Familienplanung ein, ist aber dafür in anderen Bereichen weniger aktiv. Boehringer-Ingelheim ist auf den 16. Platz zurückgefallen, hat aber die größte Projektpipeline (52 Projekte) gegen die Bekämpfung von Krankheiten mit einem starken Fokus auf nicht-übertragbare Krankheiten.

Der Index 2016 hat untersucht, inwieweit die Access-Tätigkeit eines Unternehmens bedarfsgerecht ist: Wo werden die Maßnahmen des Unternehmens auf die speziellen Prioritäten abgestimmt, die zum Beispiel von den jeweiligen Ländern, den weltweiten Gesundheitsorganisationen oder dem Index festgelegt werden. In diesem Bereich zeigt der Index uneinheitliche Ergebnisse.

Gemeinschaftliche R&D-Modelle ein großer Anreiz
Die Unternehmen haben 850 Produkte für die 51 schwersten Krankheiten in den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf dem Markt, 420 Produkte befinden sich in der Entwicklung. Das schließt mehr als 100 Produkte mit ein, die sich seit 2014 in der Pipeline befinden, und 151 Produkte, die kommerziell nicht attraktiv sind, aber gerade von den Armen dringend benötigt werden.

Die Mehrheit (67 Prozent) der Forschungsprojekte, die Unternehmen für Produkte mit hoher Priorität bei gleichzeitig niedrigem wirtschaftlichen Anreiz haben, werden in Partnerschaften mit anderen Unternehmen betrieben.

„Wir sehen Hinweise darauf, dass gemeinschaftliche R&D-Modelle ein Anreiz für die Branche sind, dringend benötigte Medikamente zu entwickeln, die sie sonst aus kommerziellen Gründen nicht in Betracht gezogen hätten“, sagt Jayasree K. Iyer, Geschäftsführerin der Access to Medicine Foundation: „Der partnerschaftliche Ansatz funktioniert.“

Die Fortschritte, noch mehr Medizin noch besser verfügbar zu machen, lassen sich auch daran ablesen, wie Unternehmen mit ihren Patenten umgehen und in welchem Umfang sie anderen Herstellern erlauben, Generika ihrer Produkte herzustellen.

Erstmals freiwillige Lizenzvereinbarungen für Hepatitis C
Seit 2014 haben sich sieben Unternehmen neu oder in noch größerem Maße dazu verpflichtet, auf Patentrechte für bestimmte Produkte in bestimmten Regionen zu verzichten. So gibt es mehr Produkte gegen HIV/AIDS, die unter freiwilligen Lizenzvereinbarungen laufen und die in mehr Ländern als zuvor gültig sind. Zum ersten Mal überhaupt gibt es diese Vereinbarung auch für eine andere Krankheit als HIV/AIDS: Hepatitis C. Weltweit leiden zwischen 130 und 150 Millionen Menschen an dieser chronischen Infektion.

Allerdings kann ein Produkt nur dann in einem Land zum Einsatz kommen, wenn es dort registriert ist. Der Index ergab, dass Unternehmen für ihre neuesten Produkte in nur 25 Prozent der Länder, die der Index als hohe Priorität eingestuft hat, eine Registrierung beantragen.

Ein weiterer Eckpfeiler, um den Zugang zur medizinischen Versorgung zu verbessern, ist es, die Produkte erschwinglicher zu machen. Der Index hat herausgefunden, dass bei einem Drittel der relevanten Produkte die Zahlungsfähigkeit berücksichtigt wird. Das hat sich seit dem Index 2014 nicht verändert. Nur 5 Prozent der Produkte (44 von 850) verfolgen so eine Preisstrategie in den Ländern, die der Index in die höchste Dringlichkeitsstufe einordnet, wobei mindestens ein sozialwirtschaftlicher Faktor berücksichtigt wird. Rund die Hälfte dieser Produkte kommen von GSK und AstraZeneca.

Weitere Ergebnisse

  • Ein Viertel der Unternehmen (5) hat neue Geschäftsmodelle entwickelt, um Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen zu erreichen.
  • Die Krankheiten, die im Fokus der Access-Aktivitäten der Unternehmen stehen, sind Herzkrankheiten, Infektionen der unteren Atemwege und HIV/AIDS. R&D der Unternehmen konzentriert sich auf fünf Krankheiten, primär auf Infektionen der unteren Atemwege, gefolgt von Diabetes, Malaria, Virushepatitis und HIV/AIDS.
  • Die meisten Unternehmen setzen sich dafür ein, das Gesundheitssystem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu stärken. Sechs Unternehmen stimmen dabei ihre Tätigkeiten mit den Prioritäten ab, die lokal, zum Beispiel von Regierungen, festgelegt wurden.

Die Unternehmen, die sich im Ranking am meisten verbessern konnten, waren AstraZeneca und Takeda. Beide haben im großen Maße ihre Access-Strategien ausgebaut und angepasst. AstraZeneca verbesserte sich um acht Plätze und hat nun mit dem sieben Platz die Top Ten erobert. Takeda stieg um fünf Plätze auf Rang 15. Unterdessen sind Novo Nordisk, Roche und Gilead am stärksten gefallen, da sie von den anderen Unternehmen leistungsmäßig übertroffen wurden.

„Wir bewerten diese 20 Unternehmen inzwischen seit zehn Jahren. Wir wissen, was wo funktioniert. Es gibt bewährte Verfahren und dort, wo es Mechanismen gibt, die Anreize für das Engagement der Branche bieten – zum Beispiel Patentgemeinschaften, gemeinsame R&D-Modelle, Multi-Stakeholder-Initiativen und internationale Verpflichtungen zu bestimmen Krankheiten – sehen wir einen Zuspruch in der Branche“, sagt Iyer. „Der Zugang zur medizinischen Versorgung ist eine gemeinsame Verantwortung und alle Stakeholder, von der Industrie über Regierungen bis hin zu den weltweiten Gesundheitsorganisationen, müssen sich selbst herausfordern, diesen Einsatz auszubauen. Nur so kann man gewährleisten, dass noch mehr Produkte in noch mehr Ländern berücksichtigt werden, sodass pharmazeutische Produkte die Menschen erreichen, die sie brauchen.“

– ENDE DER PRESSEMELDUNG –

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Notes for Reporters / the Press

The Access to Medicine Index is published by the Access to Medicine Foundation, a non-profit organisation based in the Netherlands that aims to advance access to medicine in developing countries by encouraging the pharmaceutical industry to accept a greater role in improving access to medicine in less developed countries. The Index methodology was developed, and is continually refined, in consultation with multiple expert stakeholders including the World Health Organization, NGOs, governments and universities, as well as institutional investors. The Index is funded by the Bill & Melinda Gates Foundation, the Dutch Ministry of Foreign Affairs and the UK Department for International Development.

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